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"Wir zählen Lichter, weil die Nacht zählt"

Bürgerwissenschaftsprojekt startet in Würzburg

In den letzten Jahren ist das öffentliche Bewusstsein für Lichtverschmutzung und die gesundheitlichen und ökologischen Wirkungen von künstlichem Licht gewachsen. Dennoch beleuchten wir immer heller. Das zeigen Satelliten- und Luftaufnahmen der Erde bei Nacht. Was sie nicht zeigen ist, welche Lichtquellen am Boden diese bis in den Orbit sichtbaren Lichtemissionen verursachen. Um diese Datenlücke zu schließen, hat ein Team aus Bürgerwissenschaftler:innen und Forscher:innen des Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ nun die App "Nachtlichter" entwickelt. Mit der Anwendung lassen sich künstliche Lichtquellen am Boden erstmals systematisch erfassen und kartieren. Im September und Oktober 2021 kommt die App dann in Würzburg im Rahmen einer groß angelegten bürgerwissenschaftlichen Messkampagne zum Einsatz. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich am Nachtlichter-Zählen zu beteiligen und so wertvolle wissenschaftliche Daten zu generieren. Die Würzburger Kampagne findet im Rahmen des Wissenschaftsfestivals "Highlights der Physik" statt.

Lichtemissionen verstehen, um nachhaltiger zu beleuchten

Die webbasierte App ermöglicht es, unterschiedlichste Lichtquellen auf öffentlichen Straßen und Plätzen sowie ihre Helligkeit, Farbe und Abstrahlwinkel zu erfassen – von der Straßenlaterne und Schaufensterbeleuchtung bis hin zu Leuchtreklamen und Lichterketten. Solch umfassende Daten gibt es bislang nicht. Forschende können lediglich auf Informationen über die öffentliche Beleuchtung von Städten und Kommunen zurückgreifen, wenn sie die Ursachen von Lichtverschmutzung verstehen wollen. "Straßenbeleuchtung macht aber nur den geringeren Teil der Lichtemissionen von Städten aus", erklärt Dr. Christopher Kyba vom GFZ. Der Physiker erforscht seit Jahren das Ausmaß und die Zunahme von künstlicher Beleuchtung bei Nacht mittels bildgebender Verfahren wie Foto- und Satellitenaufnahmen. Um diese Fernerkundungsdaten besser interpretieren zu können, hat er das Bürgerwissenschaftsprojekt und die Nachtlichter-App ins Leben gerufen. "Fernerkundungsdaten dokumentieren die Strahldichte, also wie hell verschiedene Orte in den Nachthimmel abstrahlen," erklärt Kyba. "Sie geben uns aber keine Auskunft darüber, was da genau am Boden leuchtet." Die App-Daten werden Wissenschaftler:innen helfen zu verstehen, welche Lichtquellen am Boden den Himmel besonders stark erhellen, und so eine wissenschaftliche Grundlage für nachhaltigere Beleuchtung bieten.

nachtlichtbuehneDas bürgerwissenschaftliche Engagement hat dabei auch interessante Nebeneffekte. "Schon bei der Entwicklung der App haben wir festgestellt, dass das Nachtlichter-Zählen eine bewusstseinserweiternde Wirkung auf uns hat. Viele von uns waren erstaunt, wie viele verschiedene Lichter dort draußen in unterschiedlichen Farben und Formen strahlen", berichtet Dr. Nona Schulte-Römer, die das Projekt am GFZ sozialwissenschaftlich begleitet. "Unsere Messkampagnen in Dresden und anderen Städten erlauben uns, mit Bürgerwissenschaftler:innen gemeinsam zu diskutieren, wo und wann sie künstliche Beleuchtung schätzen oder auch darauf verzichten könnten."

Kritisch zu prüfen, welche Lichtquellen die Nacht erhellen und zu welchem Zweck, wird zunehmend zur Nachhaltigkeitsfrage, die über das Energiesparen hinausgeht. "Außenbeleuchtung ist zu oft zu viel, in ungünstigen Lichtfarben und Mengen schlecht installiert. Statt nur dort hinzuleuchten, wo Licht gebraucht wird, strahlt das Licht in alle Richtungen, blendet Menschen und stört den Tag-Nacht-Rhythmus von Tier- und Pflanzenwelt im Umkreis mehrerer Kilometer", kritisiert Sabine Frank, die Nachtschutzbeauftragte des Landkreises Fulda und des Biosphärenreservats Rhön, die ebenfalls aktiv an der App-Entwicklung beteiligt war und Anfang September eine Nachtlichter-Kampagne in der Sternstadt Fulda durchführen wird.

Die Doktorand:innen Katharina Leiter und Marcus Langejahn, welche das Projekt lokal in Würzburg organisieren, promovieren beide am Lehrstuhl für Astronomie der Uni Würzburg zum Thema Röntgenemission entfernter aktiver Galaxienkerne. "Die Leute lassen sich so einfach für die Astronomie begeistern! Der aufgehellte Nachthimmel in Städten vermindert aber mehr und mehr unseren persönlichen Bezug zum Thema. Wir finden es großartig, dass wir mit dem Projekt helfen können, das Bewusstsein für den Wert des Nachhimmels und nachhaltigere Beleuchtung zu schärfen", sagen die beiden.

Einladung zur Nachtlichter-Kampagnen – bald ganz in Ihrer Nähe!

HdP21 MotivIn Würzburg werden die Bürgerwissenschafts-Teams im September und Oktober nach Einbruch der Dunkelheit ausschwärmen und im Frauenland und der Altstadt alle Lichtquellen entlang vorab definierter Straßen erfassen – via Nachtlichter-App und selbstverständlich datenschutzkonform. Am 27.8.21 und am 31.8.21 findet die Auftaktveranstaltung zur Würzburger Nachtlichter-Kampagne per online Meeting statt. Wer mitforschen möchte, ist jederzeit willkommen. Mitmachen können alle, die einen abendlichen Spaziergang mit Bürgerwissenschaft verbinden möchten.

Zur Vorbereitung erhalten alle Bürgerwissenschaftler:innen in einem kurzen online App-Training alle Informationen, die sie zum Mitforschen brauchen. Im Anschluss an die Kampagnen werden GFZ-Wissenschafter:innen die erhobenen Daten auswerten, mit Satellitendaten der Messgebiete abgleichen und im Austausch mit allen Projektbeteiligten die Daten, Erkenntnisse und Erfahrungen der Kampagnen allgemein zugänglich veröffentlichen.

Nachtlichter über Würzburg hinaus

Parallel zur Kampagne in Würzburg finden deutschlandweit und sogar im Ausland Nachtlichter-Zählungen statt. In Deutschland laufen die Vorbereitungen in Bochum, Dresden, Erlangen, Fulda, Potsdam, in Preußisch-Oldendorf bei Detmold und in der Gemeinde Westensee bei Kiel. Im Ausland sind Kampagnen in Irland, Spanien, Kanada und Italien geplant. Wer mitforschen möchte, aber nicht in der Nähe einer Nachtlichter-Kampagne wohnt, hat die Möglichkeit, die App individuell zu nutzen.

Die App-Entwicklung und Kampagnen sind Teil des durch die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren geförderten Pilotprojekts Nachtlicht BüHNE (Bürger-Helmholtz-Netzwerk für die Erforschung von nächtlichen Lichtphänomenen), in dessen Rahmen auch eine App zur Dokumentation von Feuerkugeln am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum DLR in Jena entstanden ist.

Weitere Informationen

  • Website und unverbindliche Anmeldung zum Mitmachen und dem Newsletter der Nachtlichter-Kampagne Würzburg: nachtlichter-wue.mailchimpsites.com
  • Kontakt zum Organisationsteam der Würzburg-Kampagne: Marcus Langejahn, Katharina Leiter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
  • Kontakt zum GFZ-Team: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
  • Nähere Informationen zum Projekt: nachtlicht-buehne.de/nachtlichter
  • Link zur App: lichter.nachtlicht-buehne.de (Eine Einweisung in das Projekt und die App erfolgt mit einer Auftaktveranstaltung am 27.8. und am 31.8. per Online-Meeting.)

 

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